Von kollektiver Fahrstuhlmusik und individueller Produktivität

 

Das Wölfle und ich sitzen im Tiny Office (- das was früher das Hüttle war, the same location) und wir beide sind noch ein wenig produktiv. Das Wölfe lebt ihre Produktivität in gesundem Schlaf aus. Ich dagegen schaue, ob ich noch etwas zuwege bringe. Dabei wird heute wieder Rondo Veneziano gegeben. Denn das relaxt den Herrn und den Hund.

Ich dachte vorhin bei mir, dass gerade Rondo Veneziano durchaus etwas von Fahrstuhlmusik hat. Adorno hat nicht nur den wunderschönen Begriff der Hotelmalerei geschaffen, sondern auch den Begriff der Fahrstuhlmusik*. Sowohl der Hotelmalerei als auch der Fahrstuhlmusik ist eine gewisse unauffällige Durchschnittlichkeit zu eigen.

Interessanterweise hat Adorno als praktischer Philosoph und Soziologe, der er vielleicht nur selten war, von 1937-1942 am Princeton Radio Project mitgearbeitet. Eine seiner nicht uninteressanten Erkenntnisse war, daß das Spielen von Liedern in Hitparaden bestimmte Muster in deinem Gehirn anspricht. Alleine das Spielen dieser häufig gespielten Musik aktiviert diese Muster in deinem Gedächnis, reaktiviert die gespeicherte Vorerinnerung. [Im Prinzip bei aller Genialität Adornos eine eher profane Erkenntnis. Denn jeder verliebte Teenager wählt seine Musik ähnlich. Damit bestimmte loved patterns, Erinnerungen in ihm oder in ihr, auftauchen].

Das kann man natürlich so sehen wie Adorno, daß das ständige Hören von Liedern “den Hörer mit musikalischen Stereotypen infantilisiert”. Aber ich als freiwillig retardierter Embryo nutze das für mich um in einen produktiven Flow zu kommen. Das ist vollkommen im Gegensatz zu meinen Ansprüchen bei Logikarbeiten, denn da hat tunlichst Ruhe zu herrschen.

Interessanterweise läuft meine Musikwahl immer und ständig auf Rondo Veneziano oder Bach (ganz selten nur auf Haydn) hinaus. Obwohl wahrscheinlich der Wahlakt eher völlig ohne Bedeutung ist. Da es letztlich nur auf Gleichklang, Mathematik in Noten ankommt.

Auch hier könnte ich vielleicht also Adorno widersprechen, denn es könnte ja sein, dass die Muster der Musik bestimmte Muster in meinem Gedächnis ansprechen, ohne durch den Effekt der Wiederholung hervorgerufen zu sein. Das wäre dann so wie in der Homöopathie – Gleiches mit Gleichem – bewirkt. Dann wäre der alte Adorno aus diesem Essay quasi eliminiert und allein die Fahrstuhlmusik übriggeblieben. Wir hätten mit ein wenig Existenzialismus plus Logik die kritische Theorie ausgetrieben und die geheime Alchemie der klassischen Musik entdeckt …

 


Anhang.
* Spassigerweise hatte meine Tochter als Kleinkind den Adornoschen Begriff der Fahrstuhlmusik mit “Geduddel” eigentlich schon intuitiv erkannt, reflektiert und gut beschrieben. Geduddel ist aktuell der passendere Begriff, weil es in der Gegend an Fahrstühlen eher mangelt.

Geduddel erhebt dich nie ins Unendliche, Geduddel ist nie unangenehm, aber auch nicht “zu angenehm”. Eine gewisse Zurückhaltung ist gerade auch bei Geduddel immer vorhanden.

Gerade darum nur ist der prächtige Hit “Millionen Lichter” von Christina Stürmer absolut kein Geduddel. Einfach weil es dich allein durch den Text emotional zu sehr aufwühlt. Obgleich natürlich so oft gespielt, ist “Millionen Lichter” eigentlich (!) ein typisches Beispiel für das Adornosche Verständnis von Fahrstuhlmusik.

Bereits die Vorstellung – mit der Hintergrundmusik von “Millionen Lichter” der Christina Stürmer in einem möglichst engen und damit “unbequemen”  Fahrstuhl vom ersten in den 30 Stock zu fahren – macht dir deutlich, welche Wirkung Fahrstuhlmusik haben kann. Immer eine erhebende, unabhängig davon (“völlig losgelöst”) ob du von Unten an die Spitze oder von Oben ins Basement fährst.

Denn nach vier bis fünf Takten bist du bei “Millionen Lichter” zum retardierten Embryo geworden. Das belegt auch – völlig egal, wie stark du versuchst dich zu erinnern – du hast nicht ansatzweise eine Vorstellung über den Text von Millionen Lichter. Er ist aber unter [2] zum Selbstversuch angegeben …

[1] Ein rarer Aufsatz von IHM, “Bach gegen seine Liebhaber verteidigt”.
Dankenswerterweise frei im iNet verfügbar.

[2] Hier dann der Text des Liedes “Millionen Lichter” von Christina Stürmer.

Du wirst für Dich feststellen, Du kennst den Text nicht ansatzweise. Denn Adorno hat recht: Du bist nach wenigen Takten als Hörer bereits “mit musikalischen Stereotypen infantilisiert”.

Absolut auch nicht uninteressant – selbst wenn du den Text von Millionen Lichter liest – du hast den gehaltvollen Text (“das Gedicht/die Ode”) innerhalb von Millisekunden bereits vergessen …

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